Beatrice Moumdjian
Spurensuche in der Familien- und Weltgeschichte
Spurensuche in der Familien- und Weltgeschichte

Ausstellungsansicht „Die gesiezte Tochter. My Total Deconstruction of an Armenian Family“, Galerie Wedding, Berlin, 2026 | Foto: Wataru Murakami
Ausstellungsansicht „Die gesiezte Tochter. My Total Deconstruction of an Armenian Family“, Galerie Wedding, Berlin, 2026 | Foto: Wataru Murakami
„Die gesiezte Tochter. My Total Deconstruction of an Armenian Family“ lautet der Titel der Ausstellung von Beatrice Moumdjian in der Berliner Galerie Wedding. Darin geht die Diaspora-Armenierin und Bulgarin mit deutschem Pass in ärmlichen Bildern und kontextualisierenden Bildunterschriften auf subversive Weise den Verletzungen und Vertuschungen sowohl der eigenen Familiengeschichte als auch der Geschichte des armenischen Volkes nach, das mit dem Genozid im Osmanischen Reich, in welchen auch das Deutsche Reich verwickelt war, einen tiefen Bruch erlebt hat.
Als Moumdjian mit 19 Jahren aus der Wohnung ihrer Mutter auszog, bekam sie in einer Kiste Hunderte von Familienfotos mit auf den Weg in ihre Zukunft. Anfangs sortierte sie aus, schmiss weg, ließ liegen. Ab 2016, als sie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig studierte, widmete sie sich den restlichen 150 Fotos voller Intensität. Als „Ausländerin ohne Stammbaum“ fühlte sie sich für die Aufarbeitung von Geschichten – wie etwa des unaufgeklärten Flugzeug-Absturzes des Großvaters – verantwortlich. „Ich weiß nicht viel, weil die überlebenden Armenier nach vorn geguckt haben, ohne ihre Traumata zu verarbeiten“, sagt sie. Aber sie lernte viel.
Die verbliebenen Fotos sind zwischen den 1940ern im sozialistischen Bulgarien und den frühen 2000ern in Ost-Berlin aufgenommen worden. Sie erweiterte sie durch Bildfragmente von anderen Lebensstationen und aus anderen Zeiträumen in Westasien, auf dem Balkan, in Ost- und Westdeutschland. Ihr Material ist kleinformatig, farbstichig, fragmentarisch und unscharf, hat keinerlei „Becher-Qualität“. Gerade deshalb lässt es aber der Fantasie und den Traumata freien Lauf. Die „armenisch-bulgarische Nase“ stammt vom Passfoto der 13-Jährigen, die nicht weiß, wer ihr Vater ist, aber zu wissen glaubt, er sei Deutscher. Sie bettet die ausgeschnittene Kopie ohne Nostalgie auf dunklen Stoff.
Selbst der Ehering der Mutter, eine Leihgabe der Oma, täuscht eine Ehe mit diesem Deutschen vor. Barbiepuppen, rote Rosen oder ein Wasserfleck auf einem Teppich sind nicht fotogen, wirken aber bedrohlich und gewinnen durch Moumdjians getippte Texte an psychologischer Tiefe. Die Rätsel werden nicht gelöst, die Fotos nicht geschönt, sondern auf Archivpapier ausgedruckt, laminiert, mit dem Skalpell bearbeitet, zu Objekten verarbeitet und neu fotografiert. So ergibt sich eine unendliche Geschichte auf der Suche nach verborgenen Wahrheiten.
Beatrice Moumdjian, Vor Rheinmetall Waffe Munition, 2026, aus der Serie Forensic Excavations Inventory or The Total Deconstruction of an Armenian Family, 2017–26

Beatrice Moumdjian, aus der Serie Forensic Excavations Inventory or The Total Deconstruction of an Armenian Family, 2017–26, Installationsansicht „Kunst im Untergrund 2019: Up in Arms“, neue Gesellschaft für bildende Kunst (nGbK), Berlin, 2019

Beatrice Moumdjian, aus der Serie Forensic Excavations Inventory or The Total Deconstruction of an Armenian Family, 2017–26
Beatrice Moumdjian wurde 1986 in Sofia geboren, studierte von 2013 bis 2020 Bildende Kunst an den Kunsthochschulen in Den Haag, Weimar und Leipzig und war von 2022 bis 2025 Meisterschülerin von Tina Bara. Sie lebt in Berlin, wurde 2026 als eine von 20 Künstler:innen aus insgesamt 150 Bewerbungen für das FOTOFESTIWAL Photomatch ausgewählt und erhielt mehrere Stipendien und Preise.












