Kyiv oder Die lange Nacht nimmt kein Ende: Intermediale Kunst im Zeitalter des Krieges

von Herbert Kopp-Oberstebrink,

REVIEWS
placeholder image
image

Die aktuelle Ausgabe der Kyiv Biennal thematisiert die Brüche und Verwerfungen, die Kriege und Kolonialismen ins Leben der Menschen, in ihre Körper und Räume einzeichnen. Sie wirft die Frage auf, ob der Ansatz einer intermedialen Ästhetik das Mittel der Wahl für eine Kunst in Zeiten multipler Krisen ist – und beantwortet sie durch die Vielfalt und Stärke der gezeigten Videoinstallationen.

Das kuratorische Konzept der Ausstellung entfaltet sich dabei auf der Grundlage des geopolitischen Raums eines „Middle-East-Europe“, der nach Vorstellung der Kurator:innen das postsowjetische Osteuropa samt Zentral- und Südwestasien sowie den Mittelmeerraum umfasst. Die Erfahrungen einer Realität voller gewaltsamer Konflikte münden hier in der Entwurzelung der Menschen. Unter solchen Bedingungen wird Migration zur vorherrschenden Beziehung der Einzelnen zum Raum, Exilierung zur conditio humana unserer Gegenwart. Der titelgebende Vogel, der nicht landen kann, entstammt der autobiografischen Erzählung Zami der amerikanischen Autorin und Aktivistin Audre Lorde (1934–1992) und ist das Leitbild der Ausstellung – die Metapher für ein rastloses, nicht zur Ruhe gelangendes Leben, das nie ans Ziel kommt und ständig im Übergang begriffen ist.

In der Haupthalle der KW zentral positioniert und für die Ausstellung damit auch programmatisch ist die ausladende Videoinstallation Night Without Shadows and Light Without Rippling of Waves (2025) von Lesia Vasylchenko. In ihr trifft im oberen Teil des Screens Naturgeschichte auf politische Archäologie, im unteren stehen sich eine schier endlos wirkende Morgendämmerung und der ukrainische Nachthimmel gegenüber. Jahrzehnte von Sonnenaufgängen werden zu einem kontinuierlichen Auftauchen von Licht komprimiert, während das Nachtstück anhand historischen Filmmaterials der Jahre 1918 bis 2025 Momente aus der politischen Geschichte der Ukraine zu einer zwar fragmentierten, aber zugleich doch kohärenten Aneinanderreihung verdichtet. In diesem Aufeinandertreffen unterschiedlichster Bilder, technologisch generierter ebenso wie historisch vorgefundener, wird die Arbeit auch zu einer medientheoretischen Reflexion von Intermedialität.

image
  • Der eigentliche Befund der Kyiv Biennal ist, dass die unterschiedlichen Spielarten von Videokunst sämtliche Brüche, Zeitebenen und Verflechtungen von historischer und biografischer Zeit in sich aufzunehmen verstehen.

  • image

    „A Bird That Cannot Land“ ist mehr als nur eine hochkarätige Ausstellung politischer Kunst von 40 internationalen Künstler:innen. Es ist ein Großprojekt, das neben zahlreichen Videoinstallationen und wenigen objekthaften Arbeiten auch intensive künstlerische Recherchen, musikalische Veranstaltungen, Performances und zahlreiche diskursive Formate miteinschließt. Auffällig ist hierbei jedoch die Dominanz der künstlerischen Formate mit bewegten Bildern aus heterogenen Kontexten im Vergleich zum zahlenmäßig marginalen Rest der Arbeiten. Der eigentliche Befund der Kyiv Biennal ist, dass die unterschiedlichen Spielarten von Videokunst sämtliche Brüche, Zeitebenen und Verflechtungen von historischer und biografischer Zeit in sich aufzunehmen verstehen. So ist Assaf Grubers zweiteilige Videoinstallation Miraculous Accident (2024–2025) eine große filmische Erzählung über die Liebe in Zeiten politischer Turbulenzen, über die Kollision von Emotionen, Erinnerungen, politischer Geschichte und die daraus resultierende Entwurzelung. Anhand neu entdeckter Archivaufnahmen rekonstruiert Oleksiy Radynskis Where Russia Ends (2024) die Geschichte des Kolonialismus und der Umweltzerstörung in russisch besetzten indigenen Gebieten. Radynski führt hier nicht nur die katastrophalen Umweltzerstörungen des Extraktivismus vor Augen, sondern reflektiert auch, inwiefern die filmische Dokumentation selbst Teil der imperialen Ausdehnung war. Hito Steyerl hingegen erzählt in ihrer Video-Großinstallation THE LEAK (2024) die Geschichte der Nord-Stream-Pipeline und die ihrer Vorgänger. So entlarvt sie die mit dieser Pipeline verbundene Propaganda in Ost und West.

    Intermedial verfasste Kunst gehört zur Signatur einer von kriegerischen Auseinandersetzungen zerfressenen, von Neo-Kolonialismen und einem sich selbst verschlingenden Kapitalismus geprägten Zeit. Es scheint, als liege im so erzeugten Raum historischen Nachdenkens eine der letzten Hoffnungen darauf, dass das Licht am Ende der Nacht uns doch noch erreicht.

    placeholder image
    image
    placeholder image
    image
  • INFO
  • Kyiv Biennial

    Die Kyiv Biennial ist ein international wanderndes Projekt, das künstlerische, politische und soziale Fragen miteinander verbindet. „A Bird That Cannot Land“ beinhaltet neben der Ausstellung ein Live- und Diskursprogramm und ist von 11. Juni bis 13. September 2026 im KW Institute for Contemporary Art, Berlin zu Gast.