Subterranean: Was sich unter der Oberfläche verbirgt

von Hyunjoo Byeon,

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Das Sichtbare bildet stets bloß die Schauseite. In seinem Buch Art Power (2008) stellt Boris Groys fest, dass Museumsbesucher:innen „nur die Oberfläche des Kunstwerks“❶ zu Gesicht bekommen, während die Systeme der Instandhaltung, Restaurierung und materiellen Hilfestellung, die seinen Bestand sichern, weitgehend im Verborgenen bleiben. Die von Sarah Johanna Theurer und Aditi Kapoor kuratierte Ausstellung „Subterranean“ im Kunstraum Niederoesterreich blickt nun aber über das reine Kunstwerk hinaus und erkennt dieses Spannungsverhältnis auch noch andernorts: Sie lenkt die Aufmerksamkeit nämlich in den Bereichen Warenproduktion, Finanzwirtschaft, Kommunikation, Migration und Kunstinstitution auf die Strukturen, Arbeitsleistungen und Kosten, die üblicherweise unbemerkt bleiben oder in den Hintergrund rücken, und macht diese damit zu einem Teil der sichtbaren Welt.

Beim Betreten der Ausstellung fällt der Blick zuerst auf Marina Xenofontos’ Arbeit NEW FAITHFUL (2023), bei der Monobloc-Stühle über und rund um einen CRT-Monitor angeordnet sind, auf dem man den sogenannten „Lemon Dance“ mitverfolgen kann, einen traditionellen Tanz, der von zypriotischen Emigrant:innen nach der Teilung ihres Heimatlands im Jahr 1974 in die ganze Welt getragen wurde. Was zuerst durchaus spielerisch daherkommt, entpuppt sich letztlich jedoch als eine Geschichte der Vertreibung, während das Fortschreiten des Tanzes die Verbindung zu einem zurückgelassenen Ort aufrechterhält.

Die Stühle verweisen allerdings noch auf einen anderen Aspekt. Ihre weiß-braun marmorierten Oberflächen entstanden – im Rahmen der Fertigung durch den zypriotischen Kunststoffproduzenten Lordos United – während des kurzen Übergangs von einer Farbcharge zur nächsten. In physischer Hinsicht weisen sie keinerlei Mängel auf; dennoch entspricht ihr Muster nicht den für eine Massenproduktion geltenden Standards, sodass sich die Stühle nur unter großen Schwierigkeiten klassifizieren und absetzen lassen. Xenofontos stellt diese Ausschussware bzw. diese Geschichte einer Aussonderung nun der Geschichte einer Vertreibung gegenüber, ohne die beiden jedoch miteinander gleichzusetzen. Zwei verschiedene Formen eines Sich-nicht-am-richtigen-Ort-Befindens stehen so in einem spannungsvollen Verhältnis zueinander.

Ghislaine Leungs Arbeit Maintenance (2025) entzieht sich wiederum fast der Wahrnehmung, weil sie sich durch die gesamte Ausstellung windet, anstatt einen bestimmten Platz einzunehmen. Löcher, Staubkrusten, verbliebene Wandbeschriftungen, Spuren der Aufbauarbeit und verschlissene Oberflächen wurden in dem Zustand belassen, in dem sie vorgefunden wurden, während sie doch üblicherweise zwischen den Ausstellungen verschwinden würden. Weiters wurden Bereiche hinter den weißen Wänden offen gelassen, sodass Kabelstränge und Tragekonstruktionen zum Vorschein kamen. All diese Spuren ziehen die Aufmerksamkeit von den einzelnen Kunstwerken ab und lenken sie auf den Galerieraum selbst.

Nach dem Ende einer Ausstellung kehrt der white cube nicht einfach in einen „Reinzustand“ zurück. Er wird stattdessen unablässig saubergemacht, instand gesetzt und neu hergerichtet. Leung unterbricht diesen Prozess nun und offenbart den Zustand der Neutralität damit als etwas, das fortlaufend durch Arbeit erst hergestellt werden muss. Die nahezu vollständige Unsichtbarkeit dieser Arbeit erweist sich jedoch letztlich auch als prekär. Denn ohne das Wissen darum, was mit Absicht so belassen wurde, laufen einige dieser Dinge Gefahr, bloß als Bestandteile des Raums wahrgenommen zu werden, anstatt als gezielte Intervention zu gelten.

In Thuy-Han Nguyen-Chis und Andrew Yong Hoon Lees Arbeit The light comes in the name of the voice (movement II) von 2026 nimmt das Unsichtbare wieder eine andere Form an. Hier laufen Stahlrohre über den Boden sowie die Wände entlang und machen so tiefe Stimmen im Ausstellungsraum vernehmbar. Die Idee zu dem Werk verdankt sich dabei einem Gespräch Nguyen-Chis mit einem ehemaligen politischen Gefangenen, der sich daran erinnerte, wie der Einzelhaft Unterworfene über Abwasserrohre heimlich Verbindung miteinander hielten. Auf diese Weise wurde ein Teil jener Architektur, die eigentlich für eine Separierung sorgen sollte, am Ende dazu genutzt, mit anderen Personen in Kontakt zu treten.

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  • „Subterranean“ wirkt gerade dann am überzeugendsten, wenn Unsichtbarkeit nicht als Abwesenheit gedeutet wird, sondern als etwas, das aktiv hergestellt wird. Was aus dem Blickfeld verschwindet, muss zuvor verborgen, entfernt, standardisiert, neu berechnet oder in den Untergrund gedrängt werden.

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    Unter den durch die Rohre dringenden Stimmen befindet sich beispielsweise eine, die Passagen aus Rosa Luxemburgs Briefe aus dem Gefängnis zitiert; aber auch die anderen spielen auf Schriftsteller:innen, Dichter:innen und Musiker:innen an, darunter Theresa Hak Kyung Cha, deren eigenes Schreiben wiederholt sprachliche und kulturelle Grenzen überwunden hat. Die polyphonen Stimmen verdeutlichen letztlich, wie Worte und Klänge mutwillig errichtete Schranken durchbrechen können. Einige der Rohre bleiben jedoch auch unverbunden, sodass bestimmte Klänge einander nicht zu erreichen scheinen: Die Kommunikation ist hier eben nicht garantiert.

    Joyce Joumaas Arbeit Untitled (2025) überträgt dieses Spannungsverhältnis dagegen auf den Finanzsektor: Acht Minuten lang gibt hier eine Hand Zahlen in einen analogen Taschenrechner ein. Das Geschehen wirkt dabei gewöhnlich, ja geradezu banal, und doch ruft seine ständige Wiederholung allmählich eine gewisse Beklemmung hervor. Das Video, das den 2019 einsetzenden finanziellen Zusammenbruch des Libanon zu seinem Hintergrund hat, macht die wirtschaftliche Krise nicht durch Bilder von Banken, Demonstrationen oder verwüsteten Straßen anschaulich. Stattdessen fasst es die Misere im Vorgang des Neuberechnens, einer Form trivialer Arbeit, die durch die Instabilität selbst erzwungen wird. Wer trägt die Kosten dafür, den Alltag am Laufen zu halten, wenn ein ganzes Finanzsystem versagt?

    Valentin Noujaïms Arbeit Pacific Club (2023) führt uns schließlich in einen realen unterirdischen Raum nahe des Pariser Hochhausviertels La Défense. Der titelgebende Club wurde dort 1979 eröffnet und entwickelte sich zu einem der wenigen Treffpunkte für junge Araber:innen aus der Banlieue, die anderswo oft mit Ausgrenzung konfrontiert waren. Noujaïm rekonstruiert den verschwundenen Ort anhand von Erinnerungen, Archivmaterial und ausgedachten Szenen. Was dabei entsteht, ist allerdings mehr als die nostalgische Schilderung eines vergangenen Nachtlebens: Eine ganz eigene soziale Welt unterhalb der Architektur der wirtschaftlichen Moderne Frankreichs kommt hierdurch nämlich in den Blick.

    Der Kontrast fällt deutlich aus. Über der Erde stehen die Glastürme von La Défense für Finanzkraft, unternehmerische Macht und nationalen Fortschritt. Unter ihnen entspann sich jedoch eine ganz andere Geschichte, die sich um die Themen Migration und Rassismus drehte und in der – neben der Musik – das Begehren und das Zugehörigkeitsbedürfnis eine große Rolle spielten. Pacific Club erweist sich nun als jenes Werk, das am längsten in mir nachhallt. Das liegt vielleicht daran, dass einem hier Tiefe – im Gegensatz zu den anderen Arbeiten – nicht nur in Form einer strukturellen Metapher begegnet, sondern auch als realer Raum gegenübertritt, den Menschen tatsächlich genutzt haben. Struktur wirkt in diesem Zusammenhang nicht mehr wie etwas Abstraktes, sie wird stattdessen zu einer gelebten Realität, die von denen, die sich in ihr bewegten, verändert und in Erinnerung behalten wurde. Eines der in der Ausstellung vorgestellten Referenzbücher, Keller Easterlings Extrastatecraft (2014), beschreibt den Infrastrukturbereich als „ein Betriebssystem zur Gestaltung der Stadt“.❷ Vor dem Hintergrund von Pacific Club erscheint La Défense damit als eine Struktur, die über Zugang, Ausgrenzung und Zugehörigkeit bestimmt.

    „Subterranean“ wirkt gerade dann am überzeugendsten, wenn Unsichtbarkeit nicht als Abwesenheit gedeutet wird, sondern als etwas, das aktiv hergestellt wird. Was aus dem Blickfeld verschwindet, muss zuvor verborgen, entfernt, standardisiert, neu berechnet oder in den Untergrund gedrängt werden. Doch Unsichtbarkeit wird nicht immer auf dieselbe Weise erzeugt: Hier wird ein gebrauchsfähiger Gegenstand als defekt ausgewiesen, dort ein Galerieraum durch Reinigung in einen neutralen Zustand zurückversetzt, da die Gefahr finanzieller Instabilität durch wiederholte Berechnungen gebannt und zu guter Letzt eine Sozialgeschichte hinter bzw. unter das Stadtbild eines Wirtschaftsviertels abgeschoben. Theurer und Kapoor beschreiben „Systeme, die auf menschlichem Bemühen beruhen, dieses Bemühen jedoch zur Unsichtbarkeit verdammen“.❸ Jene Anstrengung zählt aber zu den Voraussetzungen, die es überhaupt erst ermöglichen, die Oberfläche stabil erscheinen zu lassen.

    Was die Oberfläche konsolidiert, ist niemals neutral. (Übersetzung: Peter Kunitzky)

    1. ❶

      Boris Groys, Art Power, Cambridge, MA 2008, S. 35.

    2. ❷

      Keller Easterling, Extrastatecraft: The Power of Infrastructure Space, London–New York 2014, S. 13.

    3. ❸

      Sarah Johanna Theurer und Aditi Kapoor, „Einführung“, in: Subterranean, Ausstellungsbroschüre, Kunstraum Niederoesterreich, Wien 2026.

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  • INFO
  • Subterranean

    „Subterranean“, kuratiert von Sarah Johanna Theurer und Aditi Kapoor, ist eine Gruppenausstellung mit Werken von Joyce Joumaa, Ghislaine Leung, Thuy-Han Nguyen-Chi & Andrew Yong Hoon Lee, Valentin Noujaïm und Marina Xenofontos. Die Schau ist bis zum 7. November 2026 im Kunstraum Niederoesterreich zu sehen. Diese Rezension entstand in Zusammenarbeit mit dem Wiener Verein K, genauer im Rahmen seines Residency-Programms „Visiting Critics Vienna“.