• Ruth Größwang

    Atmender Stein, perforierte Geschichte

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    Portfolios
    von Anna Voswinckel,

    Das Brechen von Wahrnehmungsmustern ist ein erklärtes Ziel der 1996 in Ried im Innkreis geborenen Künstlerin Ruth Größwang. Sie verfolgt es in wechselnden Medien und künstlerischen Übersetzungsverfahren. Oft entspringen Größwangs Projekte dabei beiläufigen Beobachtungen, die sich im kreativen Prozess als komplexe visuelle Denkfiguren entfalten.

    So beginnt beispielsweise das Projekt Posidonia (2024) mit angeschwemmtem Seegras: unscheinbare braune Büschel, die sich bei näherem Hinsehen als fragile Bildträger erweisen. Die von Sonne, Salz und Mikroorganismen gezeichneten schmalen Halme erinnern an Filmstreifen – gespeicherte Zeit in organischer Form. Die Jahrmillionen alte Kontinuität der sich klonenden Pflanze verstärkt diesen Eindruck. Anstatt aber das organische Material unmittelbar an die Wand zu projizieren, übersetzte Größwang es ins Digitale: Sie fotografierte die Halme als einzelne Frames und montierte sie zu einem Film, in dem Unschärfen und Schlieren die lebendige Instabilität des Materials sichtbar machen. Perforierte Seegrashalme, in Acryllack fixiert, begleiten die Projektion – als fragile Verbindung von Dauer und Zerfall.

    Auch in einer Installation, die Größwang im Jahr 2024 bei Phileas in Wien gezeigt hat, untersucht sie Prozesse der Übertragung und Übersetzung zwischen Raum, Material und Bild. Eine fotografische Reproduktion des Ausstellungsraums wurde per Farbkopie auf Latex übertragen; Pigmente sickerten ein, der Bildträger wurde weich, durchlässig, körperlich. Die Platten legten sich wie eine zweite Haut über Boden und Flächen. Parallel dazu atmete auf einem Screen ein Stein: Für Won’t you breathe with me (2023) übertrug Größwang dessen Oberfläche auf Latex und versetzte sie mittels Blasebalg in rhythmische Bewegung. Der Stein scheint lebendig – eine leise Verschiebung der Materialordnung.

    In der Installation blinde flecken (2020–2021) schließlich richtet sich der Blick auf Hämatome als Bilder des Verzögerten: „Blaue Flecken“ erscheinen meist zeitversetzt auf der Haut, verändern sich, verschwinden. In überblendeten Projektionen auf eine schimmelbefallene Wand der Linzer Brückenkopfgebäude, einer Architektur aus der NS-Zeit, werden Bilder von Blutergüssen zur Metapher für intergenerationelle Traumata und das schwierige Zum-Vorschein-Kommen historischer Gewalt – blinde Flecken, die erst im visuellen Verschmelzen mit Belüftungsrückständen hervortreten. Erinnerung zeigt sich hier nicht als klares Bild, sondern als Prozess, der, ähnlich der Atmung, durchlässig und nie abgeschlossen ist.

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  • INFO
  • Ruth Größwang

    Ruth Größwang studiert Experimentelle Gestaltung an der Kunstuniversität Linz bei Anna Jermolaewa. Ihre Arbeiten wurden u. a. im OK Linz, bei Phileas, Wien, und bei Ausstellungen in Rumänien, der Schweiz und Slowenien gezeigt. Sie beschäftigt sich mit psychologischen, historischen und ökologischen Themen und arbeitet häufig mit organischen Materialien. 2025 erhielt sie das Ö1 Talentestipendium für bildende Kunst.