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Trevor Paglen: Wenn die Cloud zurückblickt. Bilder einer überwachten Welt

Trevor Paglen

von Walter Seidl,

Trevor Paglen ist bekannt dafür, bei seiner Arbeit auf das Medium der Fotografie zurückzugreifen, um sich, in geradezu wissenschaftlicher Weise, zahlreichen Themenfeldern anzunähern, wozu unter anderem die Geografie, militärische Operationen, staatliche Überwachung, neue Formen des Sehens, die künstliche Intelligenz sowie UFOs und der Weltraum zählen. Dieses Gespräch fand anlässlich seiner aktuellen Ausstellung in der Galerie Jessica Silverman, San Francisco, statt, die einen Überblick über die letzten 20 Jahre von Paglens künstlerischem Schaffen bietet.

W.S.Wenn man seinen Blick durch die Ausstellung wandern lässt, macht man als eines der ältesten Werke das Video The Workers; Las Vegas, NV; Distance ~1 mile aus dem Jahr 2006 aus. Beginnen wir also vielleicht genau hier: Wo bist du damals eigentlich gestanden, und wie hat sich deine Arbeit seit dieser Zeit entwickelt?

T.P.Dieses Werk ist, wie du völlig richtig sagst, 2006 entstanden, in der Ausstellung findet sich aber auch noch eine weitere Fotografie aus demselben Jahr: die Aufnahme einer geheimen Militärbasis in Nevada, für die ein Teleskop zum Einsatz kam. Ich war zu der Zeit sehr mit dem globalen Krieg gegen den Terror befasst, einem generell weitgehend geheim gehaltenen Krieg, der von Spezialeinheiten geführt wurde und zudem vor der Öffentlichkeit sorgsam verborgene Gefängnisse in die Welt brachte, die sogenannten Black Sites. Kurzum: Ich war zu jener Zeit also ganz damit beschäftigt, um die Welt zu fliegen, geheime Gefängnisse ausfindig zu machen und Flugzeuge zu verfolgen, um dahinterzukommen, wohin die von der CIA entführten Menschen eigentlich verschleppt wurden. In der Folge davon richtete sich mein Interesse vollkommen auf diese weitläufigen Gegenden der Geheimhaltung. Und zwei meiner fotografischen Arbeiten aus dieser Zeit beziehen sich eben ganz unmittelbar darauf: einerseits die bereits erwähnte und aus großer Entfernung aufgenommene Fotografie eines dieser Militärstützpunkte in Nevada; und andererseits eine Arbeit mit dem Titel The Workers, deren Anliegen es ist, einen gewissermaßen hintergründigen Blick auf die Arbeitsbedingungen zu werfen, die in so einer geheimen, mitten in der Wüste gelegenen Militärbasis der US Air Force herrschen. Es ist möglicherweise so, dass die dort Beschäftigten eigentlich in Las Vegas leben und jeden Tag erst in diese Basen eingeflogen werden müssen. The Workers wurde ebenfalls mithilfe eines Teleskops erstellt, und zwar vom Dach eines Hotels aus, das einen guten Überblick über den Ort bietet, wohin die Leute per Flugzeug zurückgebracht werden. Das Video versteht sich wiederum als eine Hommage an Harun Farocki und seinen Film Arbeiter verlassen die Fabrik aus dem Jahr 1995. Hier verlassen die Arbeiter:innen allerdings keine Fabrik, sondern eines jener Flugzeuge, die als Shuttle zu den geheimen Luftwaffenstützpunkten dienen. Zur Entwicklung meiner Arbeiten möchte ich vielleicht nur ganz allgemein sagen, dass sie sich im Zuge technologischer Innovationen weiterentwickelt haben und nun auch Verfahren der künstlichen Intelligenz miteinbeziehen.

W.S.Was als im Geheimen geführter Krieg gegen den Terror begann, ist nun allerdings zu einer offiziellen Praxis geworden.

T.P.Völlig richtig, nehmen wir zum Beispiel die Fälle jener Menschen, die in amerikanischen Städten plötzlich einer Entführung zum Opfer fallen, um daraufhin in Hochsicherheitsgefängnisse in El Salvador überstellt zu werden, und das alles unter dem Einsatz privater Charterflugzeuge. Umfangreiche Maßnahmen zur Massenüberwachung und Datenerhebung, die bei alldem eine entscheidende Rolle spielen, wurden zudem mithilfe künstlicher Intelligenz noch optimiert.

W.S.Du besitzt eine Sammlung militärischer Symbole, worunter sich auch das Abzeichen NOYFB (None Of Your Fucking Business) findet, das ebenfalls aus dem Jahr 2006 stammt. Wie kam es eigentlich dazu?

T.P.Ich vermute, dass ich bis heute eine der umfangreichsten Sammlungen militärischer Memorabilien zusammengetragen habe, die im Zusammenhang mit Geheimprojekten stehen. Da meine Dissertation sich dem Thema der militärischen Geheimhaltung widmete, bin ich während des Schreibens mit vielen Leuten in Verbindung gekommen, die Teil von solchen Projekten waren. Und so gut wie alle von ihnen hatten in ihren Häusern einen eigenen Raum eingerichtet, in dem sie Erinnerungsstücke aufbewahrten, die sich solchen geheimen Programmen verdankten. Das gab dann wohl den Anstoß dafür, dass auch ich entsprechende Objekte zu sammeln begann, was in den 2000er Jahren schließlich zu einer eigenen Publikation führte. Infolgedessen sind weitere Menschen an mich herangetreten, um mir noch mehr Materialien dieser Art zu überlassen.

W.S.Die Ausstellung erweist sich, hinsichtlich der zum Einsatz kommenden Medien, ja als ziemlich heterogen. Neben einem neueren Video sind beispielsweise auch noch fotografische Arbeiten zu sehen, die sehr abstrakt wirken und dabei eine geradezu romantische Wirkung entfalten. Aufgrund ihrer malerischen Anmutung werden sie oft mit Werken von William Turner verglichen, weil sie, jedenfalls aus der Ferne betrachtet, tatsächlich den Anschein von Gemälden erwecken. Zu diesen Arbeiten zählen unter anderem Untitled (Reaper Drones), The Watzmann (Scale Invariant Feature Transform; Oriented FAST and Rotated BRIEF) sowie CLOUD #395 Maximally Stable Extremal Regions; Hough Circle Transform. Sie mögen zwar alle einen abstrakten Eindruck machen, trotzdem liegt ihnen ein völlig andersgeartetes Konzept zugrunde, oder?

T.P.Die Fotografie der Reaper-Drohne entstand zu einem Zeitpunkt, als der Krieg gegen den Terror durch die Amtsübernahme Obamas gerade einen Wandel erfuhr. Die zuvor von George W. Bush favorisierte Strategie sah hauptsächlich vor, mit Entführungen und geheimen Haftanstalten zu operieren. Während meiner Recherchen dazu, die auch Gespräche mit ehemaligen Insassen solcher Anstalten umfassten, verfolgte mich die Frage, warum die CIA eigentlich einen solchen infrastrukturellen Aufwand betrieb, wo es doch so einfach wäre, stattdessen auf gezielte Tötungen zu setzen. Und genau diesen Richtungswechsel nahm Obama dann auch vor, indem er eine Politik der gezielten Anschläge mittels unbemannter Luftfahrzeuge verfolgte. Die Arbeit Untitled (Reaper Drones) entstand also genau in diesem Moment des Übergangs, in diesem Moment eines allgemeinen Politikwechsels. Die dabei zum Tragen kommende Bildsprache orientiert sich bewusst an der Tradition der romantischen Malerei und den historischen Darstellungen von Monstern oder Engeln im Himmel. Die Arbeit The Watzmann verweist zum Beispiel explizit auf das berühmte Gemälde von C.D. Friedrich aus dem Jahr 1825. Du als Österreicher bemerkst diese Referenz sofort, während sie etwa in Kalifornien vermutlich niemand sieht. In diesem Zusammenhang hat sich für mich dann auch die Frage gestellt, wie sich die Wahrnehmung von Landschaft eigentlich in den letzten beiden Jahrhunderten verändert hat. Denn heutige Betrachter:innen blicken auf eine solche Landschaft gewissermaßen durch einen Filter, der ihnen entweder analog durch ihr romantisch geprägtes Alpenbild oder digital durch die datenbasierten Technologien vorgegeben wird. Die Werkserie zu den Wolken beschäftigt sich schließlich mit der Frage, wie das maschinelle Sehen so etwas wie Wolken erkennt, also Phänomene, die sich als äußerst amorph erweisen. Wir Menschen neigen dazu, in ihnen Dinge wie Gesichter oder Tiere zu entdecken, das heißt etwas in sie hineinzuprojizieren, was tatsächlich nicht vorhanden ist. Und in ganz ähnlicher Weise erzeugen dann auch algorithmische Systeme ihre Mustererkennungen, die auf rein statistischen Modellen beruhen; ein Vorgang, den die Datenwolke wiederum auf ganz hervorragende Weise versinnbildlicht.

W.S.Du hast auch eine Serie gestartet, deren einzelne Titel jeweils mit Near … beginnen, um mit dem Namen eines Ortes zu enden. Dabei handelt es sich immer um Schauplätze von möglichen UFO-Sichtungen. Wie aber machst du diese Orte eigentlich ausfindig?

T.P.Ich habe in den letzten 25 Jahren eine riesige Sammlung von etwas angelegt, was ich als meine UFO-Fotografien bezeichnen möchte. Denn dieses Genre, im Übrigen so etwas wie mein Lieblings-Genre, hat mich stets ganz besonders fasziniert, was nicht zuletzt daran liegt, dass diese Sorte von Fotografien für mich die Essenz dessen einfängt, was Fotografie eigentlich ausmacht. Die Aufnahmen entstehen jedenfalls immer anlässlich meiner Reisen und lassen sich in zwei verschiedene Kategorien unterteilen. Da sind zum einen die Fotos von Objekten, deren Identität mir zwar bekannt war, bei denen ich es aber durch verschiedene fotografische Kunstgriffe erreichte, sie wie UFOs erscheinen zu lassen. Wenn ich zum Beispiel einen Vogel vorbeifliegen sah, dann spekulierte ich darauf, dass er, bei einer längeren Belichtungszeit und einer gewissen Bewegungsunschärfe, schließlich die Form eines UFOs annehmen würde. Und dann gibt es auf der anderen Seite die Aufnahmen von Phänomenen, deren genaue Natur mir tatsächlich unbekannt ist, wie etwa jene, die ich in der Wüste von Utah in der Nähe von Testdrohnen gemacht habe. Zu Beginn war ich noch davon überzeugt, dass all diese Fotos nur zu meinem persönlichen Vergnügen dienen würden. Doch mit dem Aufkommen generativer KI war dann plötzlich der Realitätsstatus fotografischer Bilder grundlegend in Frage gestellt, also entschied ich mich dafür, diese Arbeiten auch öffentlich auszustellen.

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W.S.Dazu kommt auch noch die Serie Unknown, die die Umlaufbahn der Erde oder überhaupt den Himmel in den Blick nimmt, um dort Satelliten oder nicht eindeutig identifizierbare Objekte zu lokalisieren …

T.P.Diese Bilder werden mittels hochsensiblen und zum Teil sogar modifizierten Infrarot-Teleskopen aufgenommen. Der Himmel sieht in solch einem Infrarot-Spektrum aber völlig anders aus, als wir es gewohnt sind. Hier kommt also weder die menschliche Wahrnehmung im eigentlichen Sinne zum Tragen, noch ausschließlich das maschinelle Sehen. Vielmehr stelle ich eine Untersuchung darüber an, wie sich die Wahrnehmung mit Hilfe technischer Systeme erweitern und augmentieren lässt. Hauptsächlich halte ich im Rahmen dieser Serie aber Ausschau nach Objekten im Erdorbit – wir rechnen mit ungefähr 350 von ihnen –, deren Identität tatsächlich ungeklärt ist. Mein Anliegen war es nun, diese Objekte aufzuspüren und Aussagen darüber zu treffen, an welchen Stellen des Himmels sie sich zeigen würden. Ihre Bewegung wird im Bildausschnitt also sichtbar, sobald wir die entsprechenden Daten aufrufen. Meiner Einschätzung nach handelt es sich bei diesen Phänomenen in der Regel entweder um natürliche Objekte oder um Teile von Satelliten, die in den 1960er Jahren zu Bruch gingen, als man die Satellitenbahnen noch nicht systematisch kartografierte. Hinter manchen von ihnen werden in Wahrheit aber auch militärische Anlagen der höchsten Geheimhaltungsstufe stecken, die sich verkappen, indem sie sich etwa als zivile Satelliten ausgeben.

W.S.In deiner Ausstellung findet sich auch ein eher neueres Video mit dem Titel Faces of ImageNet (2022). Wie ist diese Arbeit eigentlich aufgebaut?

T.P.Dabei handelt es sich um eine interaktive Arbeit, vor die man tritt, um fotografiert und anschließend von einer KI klassifiziert zu werden, die mit einem der meistgenutzten Datensätze zur Objekterkennung trainiert wurde. Zahlreiche KI-Systeme funktionieren nach dem Prinzip, eine Kamera auf Objekte in einem Raum zu richten, um diese identifizieren zu lassen. Unabdingbar für ein solches Vorgehen ist aber der Zugriff auf einen entsprechenden Datensatz, das heißt auf eine gigantische Bildersammlung all jener Dinge, die letztlich unterschieden werden sollen. Das Training eines KI-Modells setzt also voraus, jeweils tausend Bilder eines Glases, eines Stuhls etc. vorrätig zu haben. Der am weitesten verbreite Datensatz dieser Art trägt nun den Namen ImageNet und wurde zwischen 2009 und 2011 angelegt. Dem Projekt lag das Ziel zugrunde, tatsächlich eine Datenbank mit allen Objekten dieser Welt aufzubauen. Und eine der zentralen Fragen lautete damals natürlich: Wie lässt sich eigentlich eine Liste aller existierenden Dinge gewinnen? Die überraschend einfache Antwort: Man zieht ein Lexikon heran und erklärt sämtliche Substantive darin zu Kategorien des KI-Modells. Dabei wurde jedoch übersehen, dass so ein Wörterbuch aber auch ziemlich problematische Begriffe enthalten kann. Die konkrete Erstellung der Datenbank war dann jedenfalls die Aufgabe der „Crowdworker“ von Amazon Mechanical Turk, die sich daranmachten, das gesamte Internet zu durchforsten und jedes Bild darin zu klassifizieren. Für meine Arbeit habe ich schließlich diesem Datensatz alle Personenkategorien entnommen und ein KI-Modell darauf trainiert, den Partizipant:innen/Rezipient:innen anzuzeigen, welchem Typ von Person sie davon zugeordnet werden würden.

W.S.Dann gibt es noch eine weitere faszinierende Arbeit mit dem Titel Bloom (#957c7e) aus dem Jahr 2021, in der blühende Bäume oder Sträucher zu sehen sind. Was ist der Hintergrund zu diesem Werk?

T.P.Diese Arbeit reiht sich in jene Gruppe von Werken ein, die in einem Zusammenhang mit dem maschinellen Sehen stehen. Konkret haben wir es hier mit einer Fotografie von Frühlingsblüten zu tun, die ursprünglich in Schwarz-Weiß aufgenommen wurde. Danach speiste ich sie jedoch in einen KI-Klassifikator ein, der den verschiedenen Partien des Bildes willkürliche Farben zuweisen sollte. So versuche ich mich gleichsam an einer Nachstellung dessen, wie eine KI dieses Bild „sehen“ würde, allerdings auf einer vorgelagerten Abstraktionsebene. Denn die verwendeten Farben stehen in keinerlei Beziehung zu den natürlichen Farben der Vegetation. Trotzdem handelt es sich hier um keine algorithmische Kolorierung einer Schwarz-Weiß-Fotografie im herkömmlichen Sinne, sondern um einen deutlich mechanischeren Prozess.

W.S.Im Zentrum der Ausstellung befindet sich zudem ein Schädel, in den verschiedene Charaktereigenschaften und Verhaltensmuster eingetragen wurden, die Arbeit The Model (Personality) von 2020.

T.P.Formal orientiert sich diese Arbeit an jenen berüchtigten Schädel-Modellen des 19. Jahrhunderts, mit deren Hilfe versucht wurde, Persönlichkeitstypen anhand von Hirnregionen zu bestimmen. Die auf meinem Schädel verzeichneten Eigenschaften sind jedoch dem überaus gegenwärtigen IBM-Persönlichkeitsmodell entnommen, das in der digitalen Datenauswertung dafür verwendet wird, Personen auf der Grundlage ihres Online-Verhaltens gewissen Persönlichkeitsprofilen zuzuordnen.

W.S.Zwischen dem frühesten und dem jüngsten Werk der Ausstellung liegen ganze 20 Jahre. Woher kommt diese spezifische Auswahl?

T.P.Es handelt sich hier um meine erste Ausstellung in einer neuen Galerie, weshalb es uns ein großes Anliegen war, dem neuen Publikum die gesamte Bandbreite meiner künstlerischen Praxis vorzustellen. In diesem Zusammenhang wollten wir auch herausfinden, ob und in welchem Maße die älteren Arbeiten überhaupt an Dringlichkeit eingebüßt hätten oder wie sich ihre Wahrnehmung im heutigen Kontext verändern würde. Die gesamte künstlerische Praxis zielt ja überhaupt darauf ab, unsere Wahrnehmungsweisen zu reflektieren: Wie nehmen wir KI-Systeme wahr? Wie macht sich staatliche Gewalt bemerkbar? Und wie können wir uns jener Kräfte bewusst werden, die so nachhaltig unseren Alltag prägen – Kräfte, die für uns nicht immer unmittelbar sichtbar sind? (Übersetzung: Peter Kunitzky)


  1. „Trevor Paglen: The Horizon Waved, and Nothing Was Certain: 2006–2026“, Jessica Silverman, San Francisco, 8. Jänner – 28. Februar, 2026.

  2. Trevor Paglen, I Could Tell You But Then You Would Have to be Destroyed by Me: Emblems from the Pentagon’s Black World, New York 2008.

  • INFO
  • Trevor Paglen

    Trevor Paglen ist ein Künstler, der an der Schnittstelle von Bildproduktion, Skulptur, investigativem Journalismus, Schreiben und Ingenieurwesen arbeitet. Er ist Autor mehrerer Bücher sowie zahlreicher Artikel zu Themen wie experimenteller Geografie, Künstlicher Intelligenz, staatlicher Geheimhaltung, militärischer Symbolik, Fotografie und Visualität. Paglen wird von Jessica Silverman und der Pace Gallery vertreten.